2
Apr
2020

Weshalb ich nicht an Geld glaube. Seit 1988.

Es geschah bei Lesch+Frei, eine berühmte Werbeagentur in den Achtzigern, die ich mit Blut, Schweiss und Tränen davon überzeugt hatte, dass ich das Zeug für eine kreative Juniortexterin besass. Ich war allein unter Männern, die alles wussten und alles konnten. Arbeitete für 2500 Franken im Monat und glaubte an das Versprechen von Peter Lesch, dass eine gute Arbeitsmappe die beste Investition sei. Ich wollte viel Geld verdienen, und die Werbung war der beste Ort dafür.

Er hatte Recht. Als ich ihm einen sensationellen Headlineduktus für die Inserentenwerbung der Weltwoche hinlegte, hatte ich meinen Platz als Kreative erobert und meine Aktien stiegen. Ich war 23 und gewann Preise mit meiner Idee, bekam eine Lohnerhöhung und sonnte mich im Respekt aller Männer bei Lesch+Frei. Doch dann holte mich der Alltag ein. Die Sitzungen mit Kunden, Beratern, Art Directors waren eine simmernde Hölle, der ganze Hahnenkampf oberlangweilig und nichts, rein gar nichts daran war kreativ. Geld, so begann ich zu verstehen, war mir nicht wichtig.

Ich kündigte ins Blaue, verzichtete nach drei Jahren obsessiver Textarbeit auf meine wohl verdienten Lorbeeren, ertrug die Angst meiner Mutter und suchte mir 1988 etwas Neues. Ich bekam Chancen als Freelancerin, Uni-Studentin und Filmarchivassistentin. Drei Jobs, die zusammen ein gutes Portfolio für mich ergaben, um Rechnungen zu bezahlen, den Verstand zu gebrauchen und meine Neugier zu befriedigen. Ich stellte mich darauf ein, mit Geld eine oberflächliche Beziehung zu pflegen.

Mannohmann, wie ich mich geirrt habe!

Nach meiner Trennung, allein mit zwei Kindern habe ich 1995 meine Arbeitsmappe wieder hervorgeholt und habe einen Texterjob bekommen bei McCann Erickson, einer Werbeagentur im Aufbruch mit sehr ambitionierten Zielen. Mit einer 80% Anstellung konnte ich die Krankenkasse, das Au Pair, das Essen, die Kleidung und die Ferien finanzieren (die Miete war durch die grosszügigen Kinderalimente gedeckt.) Ich war gut und ich konnte meinen Teil am Agenturerfolg beitragen. Ich war so gut, dass ich sogar abgeworben wurde. Um nach vier Monaten Probezeit, das Weite zu suchen. Nichts konnte so wichtig sein, dass ich den absoluten Schwachsinn bei Publicis mitmachte. Meine Mutter machte sich wieder darauf gefasst, meinen Kindern und mir, das Essen unter die Brücke zu bringen, besonders als ich mich entschied, mich selbständig zu machen.

Was hatte ich als Sicherheit? Meine Freunde in der Werbung, meine Familie, die mich ertrug und meine Arbeitsmappe, die sich weiter füllte mit guten Arbeiten. Und meine Erfahrung, dass ich es irgendwie schaffen konnte. Seit 1998 bin ich selbständig und habe viele Male, das Neue für das Geld gewählt. Ich bin immer meinem Gefühl gefolgt, habe ihm mehr vertraut als der Angst. Die von meiner Mutter und von vielen anderen Instanzen der Angstmacherei aufgetürmten Hürden habe ich mit der Zeit als Tests gesehen. Und mich trotzdem immer für mich und das Neue entschieden.

Wer sich an diesem Wendepunkt im 2020 für etwas Neues entscheiden will, aber in seinem ganzen Dasein immer auf Nummer Sicher setzte, hat einen harten Weg vor sich. Alles, was ich versprechen kann ist: Es lohnt sich. Man bekommt ein ganzes Leben dafür.

P.S. Aber auch in kleinen Schritten, kann man gut in etwas Neues investieren.

 

1 Response

  1. Sehr sehr cooler Text, liebe Anna. Ich hab mich teilweise selbst darin gesehen. Auf Spielwiesen, die ich unbedingt wollte und dann fluchtartig verliess. Gut durchsteh, be creativ und stay gsund;)!

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