9
Apr
2020

Meine Lebensgemeinschaft mit S. Distancing. Seit 2009.

Ich hatte an Weihnachten 2009 ein einmaliges Erlebnis. Es war spät nachts und mein Sohn übernahm das Steuer vom weissen Citroën Kombi. Er war nüchtern geblieben und wollte meine Tochter und mich von Schlieren über die frisch verschneite Badenerstrasse nach Hause fahren. Wir waren bei meinen Eltern und Brüdern gewesen, die Feier war friedlich und lustig abgelaufen und ich war satt und glücklich. Mein Sohn schaltete einen Gang hoch und beschleunigte auf der leeren breiten Strasse und der Wagen begann zu schlingern. Nicht schlimm. Meine Tochter warf noch einen Blick nach hinten auf den Rücksitz, wo ich sass und sagte:“ Kei Stress, Mami, gell. Alles guet.“

Das ist das letzte, an das ich mich als ich, als ganze Einheit, erinnern kann. 

Die Medizin, die Psychologie, die Psychiatrie, die Pharmazie und die liebevollen Leute der Esoterik haben für solche Momente unheimlich viele Begriffe geprägt. Da ich meine Sprache liebe, wollte und will ich keinem die Deutungshoheit über diesen Augenblick geben, ausser mir selbst. Ich habe noch keinen Namen dafür, obwohl ich bei jeder Gelegenheit um Beratung, Prozessbegleitung, Coachings, und Sessions aller Art gebeten habe. Es bleibt wohl mein Geheimnis.

Darf ich vorstellen: Meine Lebensgemeinschaft mit S. Distancing.

Ich habe mich vor 11 Jahren über meinen sozialen Rückzug sehr sehr geschämt. Habe ich ihn doch in mein Leben gelassen und konnte nicht erklären, warum. Als zuerst mein Sohn und dann meine Tochter ausgezogen sind, habe ich sie ziehen lassen. Ultimativ.  Ich rufe sie fast nie an. Auch keine Essen werden bei mir zu Hause veranstaltet. Einfach nichts. Bei meinen Eltern finden die Familienfeiern statt. Ich habe meinen Kindern schon immer versucht, möglichst viel Selbständigkeit zu geben und mich als Plan B zu sehen. Seit meinem Bund mit S. Distancing kann es Monate gehen, bis ich sie sehe.

S. und ich gehen nicht viel aus. Wir führen ein zurückgezogenes Leben.

Wir sind sehr oft Zuhause, am Sonntag auf einen Spaziergang draussen. In meinen Garten gehe ich allein und zum guten Glück, dreht sich die Welt weiter ganz ohne mich. Was für eine Erleichterung.

Im Beruf? Eine selbständige Werbetexterin und Konzepterin, die warmherzig, leidenschaftlich, kreativ, empathisch, gesellig, vernetzt, erfahren, eine wahre Marke ihrer Branche war, geht auf Distanz? Ja, das hat wohl zu tratschen gegeben. Ich kann sie hören, die wohlmeinenden Kommentare zu meiner Person.  Aber auch hier habe ich entdeckt, niemand ist unersetzlich, auch nicht als Tratschthema. 2011 kam das Jobangebot als Dozentin und Leiterin des Bildungsgang der Texter mit Fachausweis, und ich habe dazu ja gesagt. Neue Branche, neue Chance.

Meine Freundespool zählt heute circa zwanzig Leute, und ich wundere mich manchmal, wieso ich immer noch eingeladen werde. Ich mache wenig, um sie für mich zu gewinnen. Ich höre zu und bin dankbar, dass sie alle so gut kochen. Ich esse aber mit S. gern allein und probiere lustige Sachen aus, wie Löwenzahn in allen Varianten. Auf meinem grossen grauen Sofa verbringen S. und ich fast jeden Abend mit DVDs und Büchern. Dort hole ich mir eine Menge schöner Second Hand Gefühle und Happy-Ends und schlafe glücklich ein.

Seit 11 Jahren lebensecht zufrieden mit S. Distancing.

Distanziert leben, obwohl ich ohne Distanz fühle, ist für mich ein grosses Abenteuer. Mein grösstes Problem, dass ich mit S. Distancing gelöst habe, ist, dass ich die Rolle meiner Angst im Übertreten der Grenzen zu anderen Menschen und anderen Gefühlswelten entdeckt habe. Obwohl genau diese angst gepowerte invasive Gabe von mir, Gefühle von anderen mitzufühlen und mitzugestalten mich lange getragen hat, war sie ein Betrug an mich selbst und an den anderen. Die allgegenwärtige Angst, allein zu sein, hat in meinem Leben nur zu einem Crash nach dem Anderen geführt.In der Werbung hat mich dieses Talent zu meinem Beruf gebracht und jetzt als Creative Coach im Bildungsgang zu meiner Berufung.

Das Fazit ist: Trotz meiner Lebensgemeinschaft mit S. Distancing bin ich im Grunde noch genau die Gleiche geblieben. Nur ist dieses instinktive, Angst gesteuerte Ich so frei, und sagt sich und der Welt oft einmal Moment bitte. Ich trete dann einen Schritt zurück, werde total a-sozial, besinne mich auf mich selbst zu 100%, und warte. Oft sehr lange. Und mache dann vielleicht genau das Gleiche wie das instinktive Ich.

Aber die Angst spielt keine Hauptrolle mehr. Was für eine Befreiung.

 

 

 

 

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