5
Mai
2020

Frühlingsputz.

Ich habe am Gymi sechs Jahre Latein gelernt und es war nicht mein Lieblingsfach. Alle sagten: Du hast doch kein Problem mit Deinem Italienisch. Haha. Was wirklich etwas half, war der napoletanische Dialekt, Muliere heisst z.B. auf Lateinisch und auf Napoletanisch beides Mal Ehefrau. Ich mochte Latein, es war eine tote Sprache und sehr schön nachkonstruierbar, die reine Lehre, nichts bewegte sich mehr in den lateinischen Deklinationen und Konjugationen. Rosa, Rosae, Rosam, Rosas, Rosa. alles in Marmor gemeisselt.

Gründlichkeit und Reinlichkeit.

Das Gymi war die glücklichste Zeit in meinem Leben. Nachdem ich um ein Haar aus der Probezeit geflogen bin, habe ich mich sechs Jahre lang darin gemütlich eingekuschelt und fand meinen Weg mit geschlossenen Augen durch das Labyrinth des Lernens. Ich lernte gerne vor dem Fernseher und trug meine Lateinbücher oft einfach mit mir herum, ungeöffnet. Meine Ma schüttelte den Kopf und weissagte mein Scheitern. Doch ich schaffte es jedes Mal, trotzdem nicht ins Provisorium zu fallen und meinen Vierer-Durchschnitt zu erreichen.

In meiner Familie war ich die Gescheite. Ich wurde sogar vom Putzen dispensiert und am Sonntag vom Kirchgang. Mein Vater hatte ein Machtwort gesprochen und meine Mutter muckte nicht auf, was seltsam war, da sie ihren Punkt immer so lange machte bis sie Recht bekam.

Porentief rein.

Beim Lateinlernen und beim Chuchichäschtli putzen offenbarten sich unsere Signaturen sehr deutlich, und ich glaube, dass sie mir meinen Raum überliess, weil sie selbst nichts darin suchen wollte. Ich gondelte mit einem ständigen lauen Angstgefühl im Bauch mit meinen Hausaufgabe herum bis mein Geist bereit war, die Konjugation von reflectere, flexi, flexum aufzunehmen. Meine Mutter stand frühmorgens auf mit dem Ziel, die Küche zu putzen, und hörte erst dann auf bis sie die subatomare Struktur jeder einzelnen Oberfläche absolut in Ordnung gebracht hatte. Ehrenwort! Wer jemals ein Zimmer betreten hat, das ins Visier meiner Ma gekommen war, wusste: Hier hat sich Grundsätzliches zum Guten verändert. Ich dagegen brauche lange bis ich etwas verinnerliche und noch länger bis ich es wiedergebe. Aber wenn etwas zu mir gehört, kämpfe ich mit dem flammenden Doppelschwert dafür, bis der nächste Star Wars Film läuft.

Reflektion vs. Reflexion.

Eine meiner Lieblingsschlachten ist diese: Die dümmste Vereinfachung der neuen deutschen Rechtschreibung ist das Ersetzen von Reflektion mit Reflexion. Reflectere heisst sich zurückbeugen und genau das soll eine Reflektion in der Erwachsenenbildung zum Ziel haben. Man soll sich zurückbeugen, beim Schreiben im Lerntagebuch und das Neue mit dem Alten verbinden. Nur so kann ein erwachsenes Gehirn, das Gelernte verstauen und wieder abrufen. Der Reflex hingegen gehört zum instinktiven Apparat des Körpers. Ein gezielter Schlag mit dem Hämmerchen, und das Knie schlägt aus. Was hat das bitte mit Lernen zu tun? Ich könnte alle diese selbst ernannten Lerngurus am Nacken packen und schütteln bis sie verstehen, das Monet Reflexe auf dem Wasser gemalt und Immanuel Kant das Wesen der Angst mit dem Wesen der Kreation verbunden hat. Hach.

Der Teufel liegt im Detail

Nicht nur der Putzteufel auch der Teufel, der als Pudels Kern Weltbekanntheit erlangt hat, sind mir sympathisch. Beide Höllenbewohner sind in der ewigen Verdammnis zu Hause und machen das, was sie machen ohne Zweifel an ihrer Mission. Während Geister wie ich ständig am Grübeln und Zweifeln sind, sind die Botschafter der Unterwelt gradlinig. Meine Mutter hat ihre dunkle Getriebenheit im Dienste des Putzens nie in Abrede gestellt. Sie war wie sie war, Instinkt getrieben und glücklich damit. Ich habe ein langes Leben in einem Purgatorium des Hin und Her verbracht, das mich fast in den Wahnsinn getrieben hat. Am Ende haben wir beide den gleichen Himmel in der gleichen Haltung gefunden: Alles, was man aus Liebe macht, ist am Ende gut gemacht. Und so habe ich den Reflexariern verziehen und bin ich jetzt auch am Putzen. Ich denke dabei an meine Ma, wie sie vom Himmel herab leise auf mich runter schimpft, dass ich, wenn ich doch schon mal etwas putze, doch mit allen Gedanken dabei bleiben soll.

Si, Ma. Aber nachher einen liebevollen Blogbeitrag schreiben und Dir widmen, muss auch noch drin liegen. Alles Liebe zum zweiten Muttertag im Himmel.

Leave a Reply