1
Jul
2019

Beziehungskokain

Was habe ich aus meinem Schreibtalent gemacht? In jungen Jahren Geld. Und, ich fasse es kaum, Beziehungskokain. Meine Kunst zu schreiben hat mir zu einem Senkrechtstart in der Werbung verholfen und zu einem weitaus interessanteren Liebesleben als es die Tiefe meiner Gefühle erlaubt hätten. Mein Helfersyndrom hat in jeder Beziehung die Stelle besetzt, an der man normalerweise ein Herz vermutet hätte.

How so?

Ich habe mich beim Verlieben der besten und erstklassigsten Gefühle der Weltliteratur bedient, wie ich beim Werbetexten die besten und erstklassigsten Gedanken kopiert habe. Während letzteres mir mit 23 Jahren schon ein paar goldene Awards beschert hat, brachte mir ersteres nur einen Liebes-Fail nach dem anderen.

Eigentlich eine gute Nachricht: Beziehungsbluffs fliegen auf, solche im Berufsleben haben eine viel längere Halbwertszeit. Wieso habe ich erst jetzt den Mut zu diesem harmlosen Coming-out? Vielleicht weil ich sie beneide, diese Bewegung mit dem Regenbogen. Weil sich so viele Menschen auf ehrliche Weise so nah fühlen. Weil sie den Mut haben, anders zu sein. Mein Anderssein war nicht so anders, um mich zum Mitglied einer Bewegung erstarken zu lassen. Aber zum guten Glück auch nicht so verzweifelt, um mich krank zu machen.

Doch ich war irgendwie eine Süchtige. Süchtig nach vorzeigbaren Second Hand Gefühlen, weil ich tief in mir drin in meinem Gefühlsleben, nichts anderes gefunden habe als Beschämung und Angst. Ohne Grund. Viel später während meiner Midlife Crisis/Chance, habe ich entdeckt, dass es vielen anderen auch so geht und dass man sich ganz einfach Ruhe gönnen kann, um zu sehen, was neben Angst und Scham noch so alles auf dem roten Sofa Platz nehmen kann.

Mein Ground Zero nach drei wirklich schmerzhaften Beziehungsabbrüchen neben einer formidablen Karriere als selbständige Freelance-Texterin war erreicht. In den letzten 11 Jahren habe ich das Erfühlen meines Seelenfriedens zu meinem Mantra gemacht, Beziehungen einfach spriessen lassen wie Achselhaare und meine Mission als Werbetexterin zum Herzstück meiner Dozententätigkeit gemacht.

Mein Leben ist so viel einfacher geworden, und vor allem, zu meinem wirklich eigenen Leben. Doch einmal ein Süchtiger, immer ein Suchender. Die weisen Ex-Süchtigen wissen, dass sie besser daran tun, ein kontrolliertes Spielfeld zu suchen, für ebenso starke Ersatzgefühle. Es gibt keinen echten Entzug für immer, weil die Natur den Horror hat vor dem Vakuum und sofort die nächste „Linie“ vorbereitet.

Bei mir heisst der Suchtersatz Weiterbildungen. Eine nach der anderen. Mit dem Second Hand Traum nach einem besseren (Berufs)leben, das aber irgendwie immer einen Schritt ausser Reichweite bleibt. Bis zu diesem Januar als ich im Jetlag nach einer langen Flugreise über einen Job gestolpert bin, den ich wirklich, wirklich haben will. Drückt mir die Daumen, Ihr lieben imaginären Beziehungen im World Wide Web, dass ich diesem starken Gefühl treu bleiben kann, denn echt ist es, und ich weiss es mit meinem ganzen Herzen.

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